Wie Butter auf zu viel Brot verstrichen
PERSONALENTWICKLUNG
Viele von uns kennen das Gefühl, das der britische Autor J.R.R. Tolkien in seinem Werk „Der Herr der Ringe“ so treffend beschreibt: Sich „wie Butter auf zu viel Brot verstrichen“ zu fühlen.
Dieses Bild trifft die aktuelle Situation vieler Ärztinnen und Ärzte in unseren Spitälern sehr genau: Die Personaldecke ist dünn, die Anforderungen steigen, die Arbeitsbelastung verdichtet sich, die Ambulanzen sind voll, und die Dokumentation nimmt von Jahr zu Jahr mehr Zeit vom eigentlichen Arzt-Patienten-Kontakt weg.
Aber ärztliche Arbeit lässt sich nicht beliebig strecken. In manchen Abteilungen des Landes wird es zunehmend schwieriger, Dienstpläne stabil aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig steht uns eine absehbare Pensionierungswelle bei erfahrenen Fachärztinnen und Fachärzten bevor. Umso widersprüchlicher ist es, wenn gleichzeitig die Wartezeiten auf eine Stelle als Basisärztin oder Basisarzt rasant steigen.
Weitere medizinische Universitäten lösen dieses akute Problem nicht. Wir bilden bereits ausreichend Ärztinnen und Ärzte aus — wir schaffen es aber nicht gut genug, sie nach dem Studium rasch, verlässlich und attraktiv in das System zu bringen und dort zu halten. Wer junge Kolleginnen und Kollegen nach dem Abschluss warten lässt, verliert sie an andere Bundesländer, an Deutschland, an die Schweiz oder in andere berufliche Wege.
Die Dimension ist erheblich: In Deutschland arbeiten laut aktueller Ärztestatistik über 3.000 Ärztinnen und Ärzte aus Österreich. Rechnet man den Ausbildungswert eines Medizinstudiums (etwa 360.000 Euro) mit den in Österreich diskutierten Mindestkosten, dann entspricht das einem theoretischen Ausbildungswert von mehr als einer Milliarde Euro. Das zeigt: Das Problem ist nicht nur ein Mangel an Köpfen, sondern auch ein Mangel an Bindung, Struktur und Perspektive.
Vom Studienbeginn bis zur voll dienstfähigen Fachärztin oder zum voll dienstfähigen Facharzt vergehen mindestens zwölf Jahre: sechs Jahre Studium, rund sechs Jahre Facharztausbildung — klinische Reifung und berufliche Erfahrung noch nicht eingerechnet. Das sind, bildlich gesprochen, mindestens zwei regionale Strukturpläne.
Deshalb braucht Vorarlberg jetzt eine effiziente ärztliche Personalentwicklungsstrategie: transparente und rasche Zugänge zur Basisausbildung, ausreichend finanzierte Ausbildungsstellen, planbare Karrierewege, gute Ausbildungsqualität und Arbeitsbedingungen, die junge Ärztinnen und Ärzte im System halten, statt sie zu verlieren.
Gute Medizin braucht gute Strukturen. Gute Strukturen brauchen ausreichend Personal. Und ausreichend Personal entsteht nicht zufällig, sondern durch rechtzeitige, strategische und nachhaltige ärztliche Personalentwicklung.