Vorwort OMR Dr. Michael Jonas

Der Arztberuf ist fordernd, aber auch erfüllend. Gesundheitspolitische Entscheidungen der vergangenen Jahre bereiten uns zunehmend Sorgen. Als Ärztekammer vertreten wir die beruflichen Interessen der Ärzteschaft. Das ist ein wesentlicher Gesetzesauftrag, der in einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs nicht immer leicht zu erfüllen ist. Trotz wirtschaftlicher Prosperität ist der Zukunftsoptimismus früherer Jahre einem gewissen Pessimismus gewichen. Davon sind alle Bereiche des Lebens betroffen, so auch das Gesundheitswesen. Eine alternde Gesellschaft macht mehr pflegerische und ärztliche Dienstleistungen notwendig.  Zudem erfordern medizinischer  Fortschritt und eine verstärkte Spezialisierung mehr finanzielle Ressourcen, aber auch einen höheren Kommunikationsbedarf innerhalb der Ärzteschaft und darüber hinaus mit anderen Berufsgruppen. Der ökonomische Druck steigt. Die geänderte Altersstruktur der Gesellschaft und der schon bestehende und zukünftig steigende medizinische Fachkräftemangel stellen außerordentliche Herausforderungen für die ärztliche Standesvertretung dar.

Diese Umstände ließen den Wunsch entstehen, außerhalb des Routinebetriebes Raum und Zeit zu schaffen, um einen Blick in die Zukunft zu werfen. Das war ein wesentlicher Beweggrund für den Start eines Visionsprozesses mit einem kreativen Ansatz, der neugierig macht. Dabei erschien uns von Beginn an die Interdisziplinarität besonders wichtig. Wir hatten den Wunsch, uns mit anderen Gesundheitsberufen, aber auch mit Berufen aus anderen Lebensbereichen und der Wirtschaft auszutauschen. Der Blick auf künftige Arbeitsbedingungen und die Erwartungshaltung der jungen Kolleginnen und Kollegen sollten dabei einen besonderen Stellenwert haben. Im standespolitischen Alltag erleben wir ein wachsendes politisches Interesse, die Ärztekammer aus dem gesundheitspolitischen Prozess zu verdrängen. Dem wollen wir entgegenwirken und das Interesse an der Gesundheitspolitik in der Kollegenschaft – und vor allem beim ärztlichen Nachwuchs - fördern. Bestehende Konflikte sollen ausgetragen und gelöst werden, Trennendes soll zu Gunsten des Gemeinsamen überwunden werden, um uns dadurch in der Öffentlichkeit mehr Gehör zu verschaffen. Unsere größte Chance ist die Mitgestaltung der Arbeitswelt von morgen, das soll mit diesem Prozess gefördert werden. Dazu sind neue Netzwerke nötig, damit Neues in die Standesvertretung kommt und Kreatives generiert werden kann. Wir wollen von anderen Gesundheitsberufen, von anderen gesellschaftlichen Kräften lernen und dadurch die medizinische Versorgung optimieren.

Die wachsende Nachfrage nach medizinischen Leistungen lässt uns keine andere Wahl und ich bin optimistisch, dass unsere Neugier, unsere Erfahrung und unsere Ausdauer wertvolle Kräfte für unser Vorhaben sind. Wir werden uns verstärkt in den gesundheitspolitischen Dialog einbringen.

Michael Jonas
Präsident der Ärztekammer

Wir erwarten bedeutende Veränderungen im Gesundheitswesen. Was bedeutet dieser Satz? Ist er eine Drohung, ein Versprechen oder etwa eine Chance? Was ist unser Anspruch: eine kontinuierliche Verbesserung der medizinischen Versorgung, Zufriedenheit bei der ärztlichen Berufsausübung, die Wahrnehmung einer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung. Seit Jahren wird die gesundheitspolitische Diskussion von der zukünftigen Finanzierbarkeit der Krankenversorgung, von steigenden Kosten und Defiziten beherrscht. Eine Diskussion über die wahren Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten, über bestehende Defizite in der Versorgung, über neue Organisationsformen, über den bestehenden und zu erwartenden Personalmangel in der medizinischen Versorgung in unserem Land und in ganz Europa und nicht zuletzt über eine freudvolle und sinnstiftende Ausübung des Arztberufes kommt zu kurz.

Welche Rolle spielt dabei die Ärztekammer, wie schaut eine zukunftsweisende Standortbestimmung der Ärztekammer aus?
Was sind die wahren Aufgaben angesichts einer sich in der Krise befindenden Gesundheitspolitik?
Können wir als Ärztekammer eine verantwortungsvolle Vor-Reiter-Rolle in der Gesundheitspolitik übernehmen?
Wie kann jeder einzelne seine Ideen, Wünsche und Vorstellungen in die Diskussion einbringen? 

Die Vorarlberger Ärztekammer hat sich im Jahr 2014 diese erwähnten Fragen selbst gestellt und sich dazu entschlossen, einen internen Visionsprozess mit externen Experten und Begleitern durchzuführen. Die Ärztekammer wollte sich zukünftig stärker aktiv gesundheitspolitisch engagieren, dies unter Einbeziehung der jungen Ärztegeneration, aufbauend auf dem Erfahrungsschatz der älteren Ärztinnen und Ärzte. Dazu musste eine richtungweisende erneuernde Zukunftsvorstellung entworfen werden, eine Vision. Dafür hat ein Kernteam der Ärztekammer für Vorarlberg (Dr. Bettina Grager, Prim. Dr. Ruth Krumpholz, Dr. Patrick Clemens, Dr. Bernhard Schlosser, Dr. Jürgen Heinzle und Dr. Burkhard Walla) Vorarbeiten geleistet, die schließlich zu den Visionstagen der Ärztekammer für Vorarlberg am 10. und 11. April 2015 führten.
Das Kernteam hatte sich für eine neue Form des Arbeitens, der art of hosting, der Kunst gute Gespräche zu ermöglichen, entschieden. Ein gelungenes Experiment mit kritischer Reflexion und überraschenden Ergebnissen, das Lust auf Weiterentwicklung und Umsetzung gemacht hat. Insgesamt wurden seit Start des Visionsprozess drei Visionsklausuren und mehrere wertvolle Projekte ins Leben gerufen.

Im Jahr 2019 wurden die Inhalte und Ergebnisse aus den Jahren zusammengefasst und in einer zweiteiligen Buch-Dokumentation festgehalten. Die beiden Bücher können bei der Ärztekammer für Vorarlberg angefragt werden, am Ende dieser Seite finden Sie die Bücher als blätterbare PDF-Dateien.

Vision oder wohin geht die Reise? Outside-The-Box-Thinking

Im Visionsprozess der Ärztekammer von Vorarlberg verstehen wir unter Vision ein gemeinsames Verständnis (realistische Zukunftsbil-
der), wohin die Reise in Bezug auf Gesundheit gehen soll. Dieses Verständnis betrifft alle Menschen, die in diesem Land leben
und arbeiten: Das sind die  Menschen in den Gesundheitsberufen sowie wir alle in der Rolle als PatientInnen gemeinsam mit den verant-
wortlichen EntscheidungsträgerInnen in Wirtschaft und Politik.

Folgende Bilder dienen der Vision:

  • Unterschiedliche Menschen, die in Gesundheitsberufen und  anderen Feldern tätig sind, verbinden sich für diese Vision.
  • Mit einer gemeinsamen Vision und einer klaren Sprache versteht sich die Ärztekammer von Vorarlberg als Sprachrohr und zentrale Orientierung für Politik und Wirtschaft, die einer zukunftsfähigen Gesellschaft und somit dem Leben dient.
  • Die Ärztekammer Vorarlberg, die Ärztinnen und Ärzte in  Vorarlberg sind Vorbild und damit ansteckend in ihrem wertschätzendenden, heilsamen Miteinander.

Was brauchen wir, damit sich Visionen entwickeln und Ziele umgesetzt werden?

  • Zugang zu kollektiver Intelligenz
  • Eine dialogische Haltung, die in allen Wirkungsbereichen gelebt wird
  • Pilotexperimente, die viele Menschen in verschiedensten Verantwortungsbereichen verbinden und ausstrahlen

Vor diesem gesellschaftlichen Hintergrund stellen sich dem Vorstand und letztlich allen Mitgliedern der Vorarlberger Ärztekammer folgende grundsätzliche Fragen:

  • Von welcher Vision und welchen Leitbildern ist die Ärztekammer Vorarlbergs in der Vergangenheit und Gegenwart geführt worden? („Woher kommen wir?“ und „Was sind wir?“)
  • Stimmen die Richtung (Vision, Leitstern) und die Werte mit den gegenwärtigen Herausforderungen noch überein? („Wohin wollen wir?“)
  • Was hat Gültigkeit, doch was muss aufgrund gegenwärtiger Gegebenheiten neu überdacht werden? („Was sind die gesundheitspolitischen Herausforderungen der Zukunft?“)
  • Welche Rollen und Aufgaben ergeben sich daraus?
  • Worin sieht die ÄKVBG neben ihren standespolitischen Aufgaben ihren gesellschaftspolitischen Auftrag?
  • Ist eine engagierte Positionierung der Ärztekammer Vorarlbergs von Seiten der Ärzteschaft in gesundheitspolitischen Fragen erwünscht? Wollen die Ärzt*innen, dass ihre Ideen und Vorstellungen zur Gesundheitspolitik via Ärztekammer öffentlich eingebracht werden?
  • Welche gemeinsamen Werte (common ground) und Aus- und Zielrichtungen ergeben sich daraus? (Vision, Mission).

Der Vorstand der ÄKVBG führt mit diesem Input zur Ausgangslage dialogische Kreisgespräche. Die eigentliche Leistung dabei ist die Fähigkeit, den gesellschaftlich „blinden Fleck“ zu erkennen und die Krise anzuerkennen. Das erzeugt im Druck, den Alltag zu bewältigen, immer auch Spannung.

Ein erster gemeinsamer Claim, ein großer Nenner aus dem bisherigen Prozess lautet:

 „Wir sind Ärztekammer. Gemeinsam für ein gutes Leben.“

Spannend sind die weiteren Entwicklungen des Visionsprozesses durch die Visionstage im Herbst 2015, Seniorenhaus Hasenfeld. Organisch und wie selbstverständlich entwickelt sich – aus allem, was
bereits da ist – ein anerkannter Claim. Die Vision ist „geboren“. Auf der Grundlage der gemeinsamen Vision und Zielfragen entstehen Entwicklungskreise mit verschiedenen konkreten Aktionen, die sofort zur Umsetzung führen. Wir folgen strategisch „der Welle“, unserem Navigationssystem. Der erste gemeinsame Claim wird weiterentwickelt und zum Sinnbild des Visionsprozesses:

"Wir sind Ärztekammer. Ärztekammer für ein gutes, heilsames Miteinander."

In einer zweiteiligen Buch-Dokumentation wird der Visionsprozess der Ärztekammer für Vorarlberg von 2014 bis 2019 festgehalten. Entdecken Sie den Visionsprozess von der ersten Idee, über die Visionstage hin, bis zu den Arbeiten der neu geschaffenen Projekte wie Mentoring, Ärzt*innen gemeinsam unterwegs oder das Netzwerk der Vorarlberger Gesundheitsberufe.