Neue Generation – neues Verständnis von Führung
HIERARCHIE
Fachlich hochwertige Arbeit braucht ein Führungsklima, das von Respekt, gegenseitigem Austausch, konstruktiver Kritik und einer wertschätzenden Fehlerkultur geprägt ist. Gerade im Gesundheitswesen muss die Behandlung und Begleitung von Patientinnen und Patienten als Teamleistung verstanden werden. Nur wenn Mitarbeitende angstfrei kommunizieren, Verantwortung übernehmen und Fehler offen ansprechen können, ist eine sichere und qualitativ hochwertige Patientenversorgung möglich.
Wir, die Generation davor, haben lange geglaubt, es würde noch viele Jahre dauern, bis dieses neue Führungsverständnis in unseren Abteilungen ankommt. Tatsächlich ist es längst bei der nächsten Generation angekommen.
Hierarchie allein ist zu wenig
Junge Ärztinnen und Ärzte wollen nicht, dass ihnen medizinische
Entscheidungen allein aufgrund hierarchischer Autorität vorgegeben
werden. Sie orientieren sich an Evidenz, Leitlinien und
wissenschaftlichem Diskurs – und erwarten zu Recht auch von ihren
Ausbildnerinnen und Ausbildnern sowie Vorgesetzten, dass fachliche
Entscheidungen auf derselben Grundlage getroffen und nachvollziehbar
begründet werden.
In diesem Zusammenhang sollte uns auch ein Ergebnis der österreichweiten Ausbildungsevaluierungen nachdenklich machen: Evidence-based Medicine gehört seit Jahren zu den am schlechtesten bewerteten Bereichen der ärztlichen Ausbildung. Das ist kein Vorarlberger Einzelphänomen, sondern ein österreichweit sichtbares Problem.
Autorität ist keine medizinische Begründung
Dieses Ergebnis lässt sich nicht nur als Defizit bei der
Vermittlung wissenschaftlichen Arbeitens verstehen. Es kann auch als
Kritik an einer bestehenden Führungs- und Entscheidungskultur gelesen
werden. Eine Generation, die gelernt hat, medizinische Entscheidungen
anhand von Evidenz und Leitlinien zu treffen, erwartet auch von ihren
Ausbildnerinnen und Ausbildnern, dass Entscheidungen fachlich
begründet werden können. Autorität allein ist keine medizinische Begründung.
Das bedeutet nicht, dass Erfahrung und fachärztliche Führung an Bedeutung verlieren. Im Gegenteil: Führung wird anspruchsvoller. Ihre Aufgabe besteht darin, Strukturen und Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen junge Ärztinnen und Ärzte ihre fachliche Ausbildung, ihr Wissen und ihre Verantwortung zum Wohl der Patientinnen und Patienten einsetzen können.
Probleme auf mehreren Ebenen
Diese Haltung sollte auch unsere gesundheitspolitischen
Entscheidungen prägen. Die Diskussion über den Ärztenachwuchs zeigt,
dass mehr Studienplätze allein nicht ausreichen. Österreich hat nicht
nur ein Ausbildungsproblem, sondern vor allem ein Verteilungs-,
Struktur- und Attraktivitätsproblem.
Entscheidend ist daher, ob wir Ärztinnen und Ärzte dort einsetzen können, wo sie gebraucht werden, ihnen eine hochwertige Ausbildung ermöglichen und Arbeitsbedingungen schaffen, unter denen sie langfristig in unserem Gesundheitssystem arbeiten wollen. Wer junge Ärztinnen und Ärzte gewinnen und halten will, muss ihnen nicht nur Ausbildungsplätze anbieten, sondern auch Perspektiven.
Vielleicht sollten wir dieser Generation deshalb genauer zuhören. Nicht jede Forderung muss automatisch richtig sein. Aber in ihrem Verständnis von Medizin und Führung finden sich zentrale Grundlagen unseres Berufs wieder: Wissenschaft, Verantwortung, Teamarbeit und die bestmögliche Behandlung unserer Patientinnen und Patienten.