Patientenlenkung braucht erreichbare Angebote und ausreichende Investitionen
VORARLBERG, STEUERUNG
Ausbau von 1450 ist sinnvoll – fehlende Versorgungskapazitäten lassen sich dadurch aber nicht ersetzen
Die Ärztekammer für Vorarlberg begrüßt die Pläne, die telefonische Gesundheitsberatung 1450 zu einer umfassenden Gesundheitsplattform mit Terminvergabe und Zuweisungssystem auszubauen. Eine wirksame Patientenlenkung kann dazu beitragen, die Versorgung besser zu organisieren und die Spitalsambulanzen zu entlasten. Sie kann jedoch nur funktionieren, wenn die vorgesehenen Versorgungsangebote auch tatsächlich vorhanden und zeitnah erreichbar sind.
„Patientinnen und Patienten an die medizinisch richtige Stelle zu führen, ist sinnvoll und notwendig. Wer Menschen in den niedergelassenen Bereich lenken will, muss aber sicherstellen, dass dort ausreichend Hausärztinnen und Hausärzte sowie Fachärztinnen und Fachärzte mit Kassenvertrag zur Verfügung stehen“, erklärt Dr. Alexander Loibnegger, Vizepräsident und Kurienobmann der angestellten Ärztinnen und Ärzte in der Ärztekammer für Vorarlberg. „Genau das ist derzeit vielerorts nicht gewährleistet.“
Spitalsambulanzen können ihre Versorgung nicht begrenzen
Die Folgen fehlender oder nicht zeitnah verfügbarer Angebote
zeigen sich unmittelbar in den Krankenhäusern. Patientinnen und
Patienten, die keine andere erreichbare Anlaufstelle finden oder nicht
wissen, wohin sie sich wenden sollen, suchen die Spitalsambulanzen
auf. Dort müssen sie ärztlich beurteilt werden.
„Die Krankenhäuser verfügen nicht über ein Terminsystem, mit dem sich die Zahl der Patientinnen und Patienten begrenzen lässt. Wir müssen jene versorgen, die zu uns kommen, und tragen damit weiterhin die Hauptlast der Akutversorgung“, betont Loibnegger. Gleichzeitig übernehmen die Spitalsärztinnen und Spitalsärzte einen wesentlichen Teil der ärztlichen Ausbildung. Trotz steigender Patientenzahlen, des bestehenden Personalmangels und des absehbaren Fachärztemangels werden jedoch nicht ausreichend junge Ärztinnen und Ärzte aufgenommen und ausgebildet. Das verschärft die Belastung der Beschäftigten und verlängert die Wartezeiten.
„Wir brauchen daher nicht nur zusätzliche und tatsächlich versorgungswirksame Kapazitäten im niedergelassenen Bereich, sondern auch ausreichend ärztliches Personal und Ausbildungsstellen in den Krankenhäusern“, sagt Loibnegger.
Patientenlenkung ist kein Ersatz für Versorgung
Aus Sicht der Ärztekammer braucht es einen
sektorenübergreifenden Ansatz. Der Ausbau von 1450 und ein
funktionierendes Zuweisungssystem können die vorhandenen Ressourcen
besser koordinieren. Sie schaffen aber keine zusätzlichen Ärztinnen
und Ärzte und ersetzen keine fehlenden Ordinations-, Ambulanz- oder Ausbildungskapazitäten.
„Die Spitalsärztinnen und Spitalsärzte müssen seit Jahren die Folgen von Fehlplanung, zersplitterter Finanzierung, unklaren Zuständigkeiten und wiederkehrenden Kompetenzstreitigkeiten auffangen“, erklärt Loibnegger. „Eine nachhaltige Entlastung wird nur gelingen, wenn nicht bloß neue Steuerungsmodelle eingeführt werden, sondern zugleich finanziell und personell in die Versorgung investiert wird.“
Selbstbehalte erst bei funktionierenden Alternativen diskutieren
Die Diskussion über Anreizsysteme, Selbstbehalte oder
Ambulanzgebühren müsse daher mit Augenmaß geführt werden. Patientinnen
und Patienten könnten nur dann verpflichtet werden, einen bestimmten
Versorgungsweg einzuhalten, wenn dieser für sie tatsächlich zugänglich ist.
„Bevor über Sanktionen oder Gebühren gesprochen wird, müssen funktionierende Alternativen geschaffen werden“, stellt Loibnegger klar. „Die Verantwortung für fehlende Termine und nicht ausreichende Versorgungskapazitäten darf nicht auf die Patientinnen und Patienten übertragen werden.“
Die Ärztekammer für Vorarlberg ist bereit, den Ausbau von 1450, eine wirksame Patientenlenkung und auch mögliche Ambulanzgebühren konstruktiv und lösungsorientiert zu diskutieren. Voraussetzung ist jedoch die klare Bereitschaft von Bund, Land und Sozialversicherung, strukturell, personell und finanziell in eine funktionierende Gesundheitsversorgung zu investieren.
„Die Spitalsambulanzen brauchen nicht nur langfristige Reformpläne, sondern rasch wirksame Entlastungsmaßnahmen. Patientenlenkung kann ein Teil der Lösung sein – sie ersetzt aber weder ausreichende Versorgungskapazitäten noch die dafür notwendigen Investitionen“, so Loibnegger abschließend.