Ärzteschaft prägt auch gesellschaftliche Haltung
SEXISMUS
Hätten Sie gewusst, was ein „Schwammbad“ ist? Ich zumindest nicht. Gelernt habe ich den Begriff von einem 19-jährigen Patienten, der nach einer einfachen Operation am nächsten Tag nackt im Bett lag – in Erwartung, dass eine „Schwester“ mit einem Schwamm die komplette Körperpflege übernimmt. Auf meine Frage, warum er das für üblich halte, kam die ernüchternde Antwort: Das sei doch gängige Praxis.
Als ich erklärte, dass das weder gängige Praxis noch vorgesehen ist und er selbstverständlich duschen kann, stieß das zunächst auf Unverständnis. Ich musste dann klarstellen: Das ist nicht Aufgabe des gehobenen Pflegedienstes – und vor allem verletzt es die Würde der Frau, die als diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin an diesem Tag für ihn zuständig ist.
Systemischer und gesellschaftlicher Sexismus ist leider weiterhin Realität. Mein Standardsatz in Gesprächen, Verhandlungen und Interviews ist daher bewusst gewählt: die Ärztin und der Pfleger – als Gegenbild zur immer noch erstaunlich stabilen Vorstellung vom „Arzt und der Schwester“. Ein einzelner Satz wird die Welt nicht verändern. Aber wenn Haltung nach außen sichtbar wird, beginnt sich etwas zu bewegen.
Viele Probleme unserer Zeit wären deutlich einfacher zu lösen, wenn wir der einen Hälfte der Weltbevölkerung selbstverständlich dieselbe Würde und Anerkennung zugestehen wie der anderen. Wir Medizinerinnen und Mediziner behandeln nicht nur Krankheiten – wir prägen auch Haltung. Und genau darin waren wir immer auch ein Vorbild für die Gesellschaft.
Gerade jetzt nehmen Übergriffe im Gesundheitswesen zu, und Frauen sind davon besonders betroffen. Gleichzeitig finden sich auch im Mikrokosmos Krankenhaus noch immer tief verwurzelte Vorurteile und Fehlvorstellungen. Dem müssen wir mit einem klaren beruflichen Selbstverständnis entschieden entgegentreten.
Die Vorarlberger Ärztekammer war die erste in Österreich, die sich öffentlich zu „Ärztinnen und Ärzten“ bekannt hat. Das war mehr als eine Namensänderung – es war ein Bekenntnis. Wir stehen dafür ein, wir unterstützen, wir beraten und wir schaffen – wenn notwendig – auch geschützte Räume.
Dort, wo Sexismus, Rassismus oder andere Formen von Übergriffen auftreten, schauen wir nicht weg, sondern handeln konsequent – für unsere Kolleginnen, unsere Patientinnen und letztlich für alle Frauen.