Vorsorgeprogramm gegen Gürtelrose wird zur Impflotterie
PROPHYLAXE
Folgendes E-Mail einer Kollegin hat die Vorarlberger Ärztekammer vor zehn Tagen erreicht: „Wie erkläre ich meinen Patient:innen, dass wir Landärzt:innen keine Shingrix-Impfungen bekommen? Am 25.08. waren über die BBG-Plattform keine Impfungen mehr verfügbar, obwohl angekündigt war, dass wieder Impfstoffe abrufbar seien. Kann mir die Landesregierung vom Impfzentrum Dornbirn bitte Impfstoffe geben? Für ältere Patient:innen aus den Talschaften des Oberlandes ist der Weg nach Dornbirn schließlich weit. Die Warteliste wird immer größer, die Patient:innen werden laufend vertröstet.“
Das ist bei Weitem nicht die einzige Beschwerde über das bundesweite Impfprogramm. Seit bald einem Jahr gibt es Schwierigkeiten bei der Bestellung des Impfstoffs gegen Gürtelrose. Am 25. August standen österreichweit für alle Ärztinnen und Ärzte gerade einmal 20.000 Dosen zur Verfügung. Diese waren schneller vergriffen, als man sich im E-Impfshop einloggen konnte. Der versprochene Gratis-Impfstoff gegen Herpes Zoster ist damit nicht verlässlich verfügbar. Hier versagt das Gesundheitsministerium.
Spießrutenlauf für Patientinnen und Patienten
Für die Ärzteschaft entwickelt sich das Programm zu einer
regelrechten Impflotterie, für die Patientinnen und Patienten zu einem
Spießrutenlauf. Einige warten bereits länger als vorgesehen auf ihre
zweite Impfung. Und das, obwohl die Impfung eine wichtige
Schutzmaßnahme für Menschen ab 60 Jahren sowie für medizinische
Risikogruppen darstellt – und vom Ministerium entsprechend beworben
wird. Die Nachfrage ist vorhanden und steigt weiter. Aus Wien heißt es
lediglich, dass laufend nachbestellt werde. Vertröstungen sind jedoch
keine funktionierende Gesundheitsvorsorge.
Das nächste Impfchaos steht bevor
Jetzt steht der Herbst vor der Tür und damit die
Influenza-Saison. Auch hier zeigen die Erfahrungen der vergangenen
Jahre, dass die Nachfrage hoch ist. Den Vorarlberger Ärztinnen und
Ärzten wurden vom Ministerium jedoch lediglich 90 Prozent jener
Influenza-Impfstoffdosen zugesichert, die im vergangenen Jahr zur
Verfügung standen.
Das bedeutet: In den Ordinationen wird es nicht einmal möglich sein, alle Patientinnen und Patienten zu impfen, die im vergangenen Jahr eine Influenza-Impfung erhalten haben. Für zusätzliche Impfwillige bleibt erst recht wenig Spielraum. Auch hier drohen lange Wartelisten und ein weiteres Impfchaos.
Die Leidtragenden sind vor allem die Patientinnen und Patienten. Aber auch für Ärztinnen und Ärzte ist die Situation frustrierend. Während der Ordinationszeit muss zusätzlicher administrativer Aufwand betrieben werden, um Impfstoffe über den E-Impfshop zu bestellen. Und danach müssen Patient:innen, die sich impfen lassen möchten, häufig darüber informiert werden, dass kein Impfstoff verfügbar ist. Besonders ärgerlich ist, wenn am Ende ausgerechnet der Ärzteschaft vorgeworfen wird, sie verweigere sich wichtigen Impfprogrammen oder blockiere die Initiativen des Ministeriums.
Wer Impfungen verspricht, muss Impfstoff bereitstellen
Wenn sich der Bund – völlig zu Recht – dafür entscheidet,
Impfprogramme aufzulegen, diese massiv zu bewerben und sogar
kostenlose Impfungen anzubieten, dann muss das Ministerium auch
rechtzeitig ausreichend Impfstoff beschaffen und bereitstellen. Es
kann nicht sein, dass Patient:innen motiviert werden, sich impfen zu
lassen, Ärztinnen und Ärzte die Impfungen anbieten wollen – und dann
der Impfstoff fehlt. Ein Impfprogramm funktioniert nur dann, wenn die
gesamte Versorgungskette funktioniert.
Die Ärzteschaft ist bereit, ihren Beitrag zu leisten. Was wir brauchen, sind verlässliche Rahmenbedingungen und ausreichend Impfstoff – keine Wartelisten, keine Vertröstungen und keine Impflotterie. Sollte das aktuelle Problem bei der Gürtelrose-Impfung nicht rasch gelöst und ein neuerliches Chaos bei der Influenza-Impfung verhindert werden, stellt sich zwangsläufig die Frage, wie ernst es der Gesundheitspolitik tatsächlich mit ihren Impfprogrammen ist.