Anreize bringen auf Dauer mehr als Zwänge
GATEKEEPER
Lassen Sie sich gerne zu etwas zwingen? Ich auch nicht! Umso verwunderlicher ist es, dass in den laufenden Verhandlungen zur Gesundheitsreform nun ein Patientenlenkungsmodell diskutiert wird, das mittels Zwangsmaßnahmen in den niedergelassenen Kassenbereich eingreift.
Zwecks besserer Steuerung sollen Patientinnen und Patienten nicht mehr direkt zum Spezialisten gehen dürfen, sondern müssten zuvor Allgemeinmediziner aufsuchen: ein Überweisungszwang zur Fachärztin beziehungsweise zum Facharzt. Die Praktiker wären dann die sogenannten Gatekeeper, die über den weiteren Versorgungsweg entscheiden würden. Klingt zunächst einmal gut, hat aber seine Tücken.
Eine solche Patientenlenkung wäre jedenfalls das Ende der bisher gesetzlich verankerten freien Arztwahl und damit wohl die größte Einschränkung der Patientenrechte seit Bestehen des Kassensystems. Ganz abgesehen davon: Wie sollten es Hausärztinnen und Hausärzte angesichts voller Wartezimmer schaffen, wenn sie von heute auf morgen auch noch jene Patientinnen und Patienten untersuchen müssten, die bisher per Selbstzuweisung direkt zum Facharzt gehen – das sind nach Berechnungen der ÖGK immerhin bis zu 40 Prozent aller Facharztpatienten. Die Folge: noch längere Wartezeiten auf Termine beim Hausarzt und damit auch noch längere Wartezeiten auf dringende Behandlungen bei Spezialisten. Im schlimmsten Fall käme es zu Verzögerungen in Diagnostik und Therapie, was – neben der Verschlechterung der Gesundheitsversorgung – auch die Folgekosten in die Höhe treiben würde.
Für diese Form der Patientenlenkung bräuchte es wesentlich mehr Hausärzte im Kassensystem. Woher aber sollen diese so schnell kommen? Laut Regionalem Strukturplan Gesundheit sollen bis 2030 lediglich drei neue Kassenstellen für Allgemeinmedizin in Vorarlberg geschaffen werden – viel zu wenig.
Anstatt in dieser Situation einen gesetzlichen Überweisungszwang einzuführen, sollten die Reformer besser über ein Anreizsystem nachdenken, das Patientinnen und Patienten langsam, aber stetig auf den gewünschten Versorgungspfad via Gatekeeper lenkt – zuerst Hausarzt, dann Facharzt, dann Spitalsarzt, wenn es nötig ist. Dieses Anreizsystem kann durchaus monetär sein: Wer sich als Patient an den Versorgungspfad hält, zahlt beispielsweise weniger Kassenbeiträge oder erhält sonstige Benefits. Auch für die Ärzteschaft braucht es keinen Zwang, sondern ein Anreizsystem – eines, das wir in Vorarlberg schon länger leben, das aber zugegebenermaßen optimiert werden muss.
Ein solches Anreizsystem würde seine volle Wirkung zwar nicht von heute auf morgen entfalten können, würde aber ein dringend benötigtes Zeitfenster öffnen, um das Kassensystem zu stärken und auszubauen – damit dieses die oben skizzierten Folgen abfedern kann. Zudem tragen Anreize mehr zu einem verantwortungsvollen Umgang der Patientinnen und Patienten mit den angebotenen Ressourcen bei als Zwänge.
Ja, es braucht eine Reform. Ja, es braucht eine bessere Patientenlenkung – nicht nur im niedergelassenen Bereich, sondern auch im stationären Bereich. Aber mit Maß, Ziel und Anreiz. Sonst fährt das System zwangsläufig gegen die Wand.