GESUNDHEITSPOLITIK

Vor wenigen Jahren haben wir gemeinsam mit der ÖGK und dem Land Vorarlberg eine Ärztebedarfsstudie beauftragt, um endlich Klarheit zu schaffen. Das Ergebnis war eindeutig: Der Ärztemangel ist real, massiv und bedarf rascher Intervention. Ich war damals, wie ich heute eingestehen muss, naiv: Ich glaubte tatsächlich, die Verantwortlichen im System wollen etwas verbessern. Doch die Realität sieht anders aus.

Die Fakten liegen seit Jahren auf dem Tisch: Unser Gesundheitssystem steuert auf einen dramatischen Personalmangel zu. Besonders betroffen sind aktuell Anästhesie, Allgemeinmedizin und Innere Medizin. Die Pensionierungswelle der Babyboomer ist absehbar und die Demographie mit deutlicher Überalterung der Bevölkerung steigert den Bedarf. Trotzdem fehlen bis heute verbindliche Konzepte und konkrete Maßnahmen. Es herrscht Stillstand.

Zwei Hebel sind entscheidend: Zum ersten - bessere Arbeitsbedingungen, um vorhandenes Personal zu halten. Zugegeben, es hat sich hier inzwischen etwas bewegt, doch bei Bürokratieabbau, effizienten Abläufen, Wertschätzung und Karrieremöglichkeiten ist noch sehr viel Luft nach oben. Und die von der Politik versprochene, aber nicht umgesetzte Gehaltsreform ist dabei ein fatales Signal.

Zweitens braucht es endlich eine verbindliche strategische Personalentwicklung. Weg von der Stellenverwaltung zu dynamischen Prozessen, die den Bedarf berücksichtigen. Leider warten wir hier bis heute vergebens auf sinnvolle Lösungen. Weder im Spitals- noch im niedergelassenen Bereich existieren belastbare Konzepte. In den nächsten Jahren werden beispielweise acht Kassenstellen für Kinder- und Jugendheilkunde frei – wegen Pensionierungen. Einen tragfähigen Nachbesetzungsplan gibt es nicht. Bleiben die Stellen unbesetzt oder die Fachärzte kommen aus dem Mittelbau der Spitäler und fehlen dann dort? Etliche Kassenstellen für Allgemeinmedizin stehen seit Jahren leer, gleichzeitig setzen die Personalverantwortlichen in den Spitälern auf mehr Allgemeinmediziner:innen als zusätzliche Sekundarärzt:innen. Wo sollen die alle herkommen?

Verantwortungsvakuum statt Führung

Zugesagte Termine zur Abstimmung der Personalentwicklung mit der ÖGK finden seit Jahren nicht statt. Koordinierung auf Landes- und Spitalsebene? Fehlanzeige! Statt Führung erleben wir Zuständigkeitswirrwarr, Wegschauen und das Prinzip Hoffnung. So meinte ein führender Beamter: „Vielleicht sollten wir ein, zwei Jahre warten, falls die Zahlen doch nicht stimmen.“ Mehr muss man zur Qualität der zentralen Steuerung nicht sagen. Die Ankündigung einer Stabsstelle im Land für „strategische Personalplanung“ ist angesichts fehlender Ergebnisse wohl nur Symbolpolitik.

Während große Ressourcen in Machbarkeitsstudien für eine private Medizin-Uni fließen, werden junge Absolvent:innen aktuell mangels Ausbildungsplätzen in Vorarlberg in großer Zahl nach Deutschland und in die Schweiz verwiesen. Gleichzeitig bleiben dringend benötigte Facharztstellen, etwa in der Anästhesie, unbesetzt. Das ist widersprüchlich, kurzsichtig und teuer.

Mein Appell: Schluss mit dem Zaudern. Es braucht sofortige Maßnahmen: gezielt finanzierte Stellen, flexible Übergangslösungen und echte strategische Personalentwicklung. Das wäre sinnvoller, als Stipendien für Studierende zu finanzieren und neue Studienplätze zu schaffen für Kolleg:innen, denen wir später dann keine Anstellung bieten können. Wer heute nicht handelt, gefährdet morgen die medizinische Versorgung.